Amerika bei 100° Fahrenheit
(eine Fahrt durch den Südwesten im Frühjahr 2000)
Kurz vor dem Eingang zum Grand Canyon gibt es Reklame für ein IMAX-Kino. Freyas Vorschlag nachzusehen, ob es den Abstieg vom South Rim auch auf IMAX gibt, und daß Freya sich bei den andauernden Temperaturen über 100 Fahrenheit durchaus vorstellen könnte den Abstieg nur via IMAX zu genießen, stößt bei Jürgen auf komplettes Unverständnis.
Wir loggen uns in der roten Feder ein. Vorhin hatten wir noch Witze darüber gemacht. Es gibt hier eine Sieben Meilen Lodge, die schon erwähnte Rote Feder und den Chief Gelbes Pferd, der ein Muster für persönliche Werbung an den Straßen um den Grand Canyon aufgebaut hat: "Hier kaufen sie bei Chief Gelbes Pferd." "Gelbes Pferd liebt dich" "Nutze die Chance und kaufe bei Chief Gelbes Pferd" "Hast Du die Chance verpaßt bei Chief gelbes Pferd etwas zu kaufen? Ein U-Turn und Du bist wieder da." Und so weiter ... Jedenfalls fing Jürgen auf einmal an zu erzählen, daß wir in der gelben Feder übernachten würden ...
Nach dem Abendessen haben wir uns natürlich doch den IMAX-Film angesehen und dabei einiges über die Geschichte des Canyons und seiner Entdeckung erfahren. Also Rafting ist nix für Freya. Angeblich wird ihr schon beim Zugucken schlecht.
Jetzt ist es gleich 21 Uhr. Morgen früh geht es los. Wir wandern wieder. Den Wecker auf 5.45 Uhr gestellt, um 6.30 im Tusayan Cafe gewesen und dann gewartet. Alle Bedienungen sind flink nur unsere schlurft darum und kommt nicht in die Gänge. Motz und Meuter. Jürgen meint, Freya soll hier nicht so rumnerven, aber sie tut es doch. Um 7.45 Uhr im Park und um 8 am Startpunkt des "Bright Angel Trails".
Freya Rucksack ist voll mit Wasserflaschen, Jürgens mit Fotokram. Wir haben gut gefrühstückt und reichlich Energybars und Vitamintabletten befinden sich auch in unserem Proviant.
Es geht ganz schön bergab und wir gehen inmitten einer Schar Gleichgesinnter. Es kommen uns aber hier schon welche entgegen. Überall, auf allen Schildern kann man lesen, daß in den Sommermonaten möglichst nur bis zum 3 Mile Resthouse gegangen werden soll. Die Temperatur steigt nämlich im Inneren des Canyon - obwohl es auch außerhalb schon gut warm ist.
Der schmale, sich windende Weg wird auch von Pferden und Muli-Gruppen begangen. Wenn man die sieht, ist man gut beraten ein Plätzchen zu suchen, wo man möglichst wenig Staub zu schlucken bekommt. Im Schlepptau dieser Gruppen sind auch immer die Pferdebremsen. Denen ist es dann auch egal ob du ein Pferd bis oder nicht.
Bis zum 3 Mile-Resthouse sind es hin und zurück immerhin 6 Meilen, das entspricht 9,6 Kilometer und 644m Höhenunterschied. Freya hatte Jürgen immerhin schon soweit darüber wenigstens nachzudenken. Zugegeben, dieser 3-Meilen Punkt ist ein ziemlich blöder. Man ist etwas über eine Stunde bergab gegangen - Freya geht wegen ihrer Knie nicht so gerne bergab - und eigentlich geht es weiter bergab und hier bei den drei Meilen ist nix außer einer Schutzhütte. Wir gehen also weiter. Aber eigentlich ist Freya in Gedanken schon wieder beim Bergauf laufen - nörgel, maul.
Der nächste Haltepunkt - wieder etwa 1,5 Meilen weiter - ist Indian Garden.
Eine Oase in der doch schon reichlich unwirtlichen Landschaft. Hier stehen Bäume und Kakteen und der gesamte Höhenunterschied zum South Rim beträgt hier 933m. Wir sind um kurz vor halb 11 Uhr hier und rasten. Unterwegs haben wir die "Glücklichen" gesehen, die eine Nacht auf der Phantom-Ranch im Inneren des Canyon verbringen dürfen. Ob die wirklich so glücklich sind, wo sie all ihre Schlafsäcke, Isomatten und sonstige Sachen auf dem Rücken mit sich herumschleppen?
Jetzt packt Jürgen der Ehrgeiz. Er will wenigstens noch bis zum Rand des Plateaus, dem Plateau-Point. Das sind noch mal 1,6 Meilen weiter, der Höhenunterschied zum Indian Garden ist minimal, aber man kann von dort aus den Colorado River sehen.
Allerdings führt die Strecke durch weites Gelände ohne Schatten. Freya entscheidet sich am Indian Garden zu bleiben und Jürgen marschiert zum Plateau Point und zurück, fotografiert und das alles in einer knappen Stunde. Ohne ihn loben zu wollen behauptet Freya, daß dieser Ausflug mit ihr etwa die doppelte Zeit gedauert hätte. Naßgeschwitzt ist er, aber glücklich. Manchmal denkt sich Freya, daß er einfach nicht ausgelastet ist.
Wir pausieren nicht mehr, sondern starten gleich mit dem Aufstieg. Es ist zwölf Uhr Mittags. Typisch für uns. Es hat über 40 Grad und Freya ist diejenige, die sich bis zum 3 Mile Resthouse quält. Dort sitzen wir geraume Zeit im Schatten, holen frisches, aber sehr warmes Wasser, peppen uns mit unseren Power Bars auf und sehen der Rangerin zu, die alle möglichen Leute anspricht und davon abhalten will noch weiter in den Canyon hineinzulaufen. Jetzt schütten wir noch mal Wasser in unsere Kappen und machen uns das T-Shirt naß und dann geht es 1,5 Meilen weiter hoch zum nächsten Haltepunkt.
Bis zum 1.5 Mile Resthouse geht es dann auch ziemlich zügig. Es ist ja auch wieder kälter. Nur noch etwa 35 Grad. Auch das frische Wasser hier ist kälter als das letzte und so schütten wir zwei Flaschen warmes Wasser weg, um es gegen kaltes auszutauschen.
Die letzten 1,5 Meilen trödeln wir und sind um 15.45 Uhr wieder oben am Rand des Canyon. Freya ist 14,8 und Jürgen 19,6 km gelaufen. Zwischendurch tut es ihr ja doch ein bißchen leid, nicht bis an den Rand gelaufen zu sein, ist aber letztendlich doch ganz froh über das was sie geschafft hat.
Abendessen gibt es in Tusayan im Steak House. Sehr leckeres Fleisch. Kann man empfehlen.
Am nächsten Morgen hätte der Wecker um 7.30 Uhr klingeln sollen - wir waren aber schon vorher wach. Zuerst ging es ins Internet Cafe gegenüber, haben aber dort einfach nur gefrühstückt. Im Park haben wir unser Auto am Ausgangspunkt des Bright Angel Trails abgestellt. Man kann den West Rim entlang laufen und hat dann die Möglichkeit, an einem der vielen Haltepunkte in den Shuttlebus einzusteigen.
Vom Shuttlebus lassen wir uns schließlich vom Moave Point bis Hermits Rest bringen, wo wir aussteigen, kurz rumlaufen und die atemberaubende Aussicht genießen, um dann wegen Hunger zurückzufahren. Wir essen eine Kleinigkeit in der Maswick Logde und beschließen dann die Zeit der großen Hitze nicht im Park zu verbringen.
Um 17 Uhr sind wir aber wieder unter den Lebenden und fahren mit einem der drei Shuttlebuslinien von der Yavapai Lodge aus zum Yaki Point. Dort verbringen wir eine schöne, ruhige halbe Stunde und lassen uns anschließend wieder zum Ausgangspunkt zurückfahren.
Jetzt bricht aber bei Jürgen der Fotograf durch. Der dritte Abend am Grand Canyon und noch kein Sonnenuntergangsfoto? Das geht ja nun wirklich nicht. Also ab ins Auto in Richtung Osten und am Grand View haltgemacht.
Das ist wieder so ein Platz, den man nur genießen kann, wenn man seine Sinne komplett vor der Umwelt verschließt. Herden von Menschen mit Fotoapparat, greinende Kinder und sonstige geschwätzige Zeitgenossen bevölkern den zugegeben schönen Aussichtspunkt. Ätzend.
Jürgen hat sich seinen Platz gesucht und läßt sich jetzt von nichts mehr beirren. Freya dreht der Sonne den Rücken zu und schreibt Tagebuch. Nach dem Sonnenuntergang leert sich der Platz schnell. Auch die Gruppe Jugendlicher, die auf sehr exponiertem Felsplatz ihre Faxen gemacht hat ist verschwunden. Gut! Wir fahren zurück und holen uns aus dem Pizzalokal neben dem to-go-Chinesen eine total leckere Pizza mit Shrimps und Knoblauch. Leider waren wir nicht die einzigen, so daß die Wartezeit doch etwas nervt.
© Jürgen & Freya Blösl, 2000-2012
letzte Überarbeitung: 15.06.2012
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