Mingala ba -
Im Land der goldenen Pagoden
Heute ist wieder frühes Aufstehen angesagt. Kalaw liegt in den Bergen und wie wir zu unserer "Freude" hören, werden die Straßen dorthin werden immer schlechter.
Kaum sind wir aus Bagan raus, halten wir schon wieder an und bekommen gezeigt, wie aus Palmsaft sowohl Zucker als auch Schnaps hergestellt wird. In der Hütte stehen auf einem langen Feuer fünf verschiedene Stadien kochender Melasse. Vor der Hütte sitzt eine alte Frau und raucht landestypische Cheerot-Zigarren. Etwas abseits dreht der Bauer mit seinem Ochsen die Runde um den Mahlstein. Hier wird Erdnußöl gewonnen. Man kommt sich vor wie im Mittelalter.
Dann müssen wir alle lachen. Der andere Jürgen streichelt den Ochsen, der bis jetzt brav seine Runden um den Mahlstein gedreht hat. Das Tier verdreht den Kopf wie eine schnurrende Katze und ist nur mühsam wieder in Bewegung zu setzen. Viele kaufen noch kleine Zuckerstückchen im Bastkörbchen und dann geht es weiter.
Östlich von Bagan liegt Mount Popa, die Heimat der Nats. Mitten aus der Ebene ragt ein Monolith in den Himmel. Oben ein Kloster in dem zwar auch Buddha, vor allem aber die unterschiedlichen Nats verehrt werden. Nach oben führt eine lange, überdachte Treppe, teils aus Stein, teils aus Metall. Kein Aufzug erleichtert den Aufstieg und die wenigen Träger, die vor allem ältere Frauen nach oben tragen, quälen sich ganz schön die engen Stufen nach oben. Nach den abschreckenden Schilderungen des Aufstiegs, bleiben einige unten und schauen sich die Läden am Fuße des Berges an. Freya ist natürlich bei ihnen. Alles in allem ist der Aufstieg aber harmlos. Jürgen kommt noch nicht einmal richtig ins Schwitzen. Wäre das Wetter nicht so diesig, hätte man von oben einen tollen Blick über das Tal.
Später am morgen halten wir in einem Ort, in dem Peter uns empfiehlt, gebratene Hähnchen zu kaufen. Einige machen das, wir sind eher auf Süß und kaufen Fettgebackenes. Bei unserem Halt gegen 13 Uhr an einem Stausee werden dann die zuvor gekauften Hähnchen zum gebratenen Reis verzehrt. Man versuche das einmal in einem deutschen Restaurant. Hier sehen wir auch mal eine andere westliche Touristengruppe.
Am frühen Nachmittag halten wir noch an einem Reisfeld und fotografieren, dann kommen wir langsam ins Gebirge. Die Straßen sind schlecht und eng. Der geteerte Bereich ist gerade mal breit genug für ein Fahrzeug. Der Zustand würde in Deutschland selbst bei einem Feldweg zum Aufstand des Gemeinderates führen.
Zu allem Übel herrscht hier viel Gegenverkehr. Hauptsächlich Militärkonvois. Sehr, sehr kurvenreich und steil ist es und Freya genießt ihren Platz mit der guten Aussicht ganz vorne nicht im geringsten. Sigrun teilt uns mit, daß sie sehr froh ist, wenn die Fahrt zu Ende ist. Von Gudrun und Karl ist zu erfahren, daß sie zu Hause ihr Testament hinterlegt haben. Na, da kann ja wirklich nix mehr schiefgehen.
Dann irgendwann ist tatsächlich Stau am Berg. Wir fahren soweit rechts wie möglich, und das ist ziemlich am Abgrund, während sich beim Gegenverkehr die Militärlastwagen stauen. Schließlich löst sich der gordische Knoten und es geht weiter.
Aber irgendwann hat alles ein Ende und wir sind in Kalaw. Hier ist es etwas kälter als in Bagan, liegt ja auch ein paar Hundert Meter höher. Leider müssen wir erfahren, daß morgen kein Markt ist. Dumm. Wir hatten insgeheim alle darauf gespitzt diese Frauen mit den vielen Goldreifen um den Hals zu sehen. Aber da dieser Markt immer nur jeden fünften Tag in Kalaw Halt macht, wäre es ja auch purer Zufall gewesen, wenn er morgen hier gewesen wäre.
Wir wollen wandern. Markt mit Bergvölker gucken ist ja nicht. Erich geht die Tour für "toughe", wir andern nur "den Spaziergang" zu einem Bergdorf. Mit dem Bus werden wir aus Kalaw raus bis zu den nahen Pinienwäldern gebracht. Zwei Stunden soll es dauern, bis wir am Dorf sind, zwei Stunden bis wir aus den Bergen wieder unten sind und eine Stunde werden wir Aufenthalt haben. Also ziemlich locker.
Durch das Laufen geht es Freya gleich gut. Ihre Wade schmerzt nicht mehr. Die Luft ist rein, die Vögel zwitschern - einfach schön. Mit den Schuhen ist es etwas anderes. Da Pieter gemeint hat, man könne den Weg mit Gummilatschen laufen, haben sie und Jürgen ihre indischen Schlappen an. Dünne Gummisohle und Stretchband um den Fuß bei Freya - etwas stabiler bei Jürgen. Dummerweise geht es aber bergauf/bergab, teils über Schotter, teils über Trampelpfade. Da wären die Turnschuhe jetzt doch besser gewesen.
Wir gehen bergauf, vorbei an einem Haus, in dessen ersten Stock ein Buddha aus Lack steht, den wir uns natürlich ansehen. Außer, daß auf einem Foto gezeigt wird wie leicht er ist, sieht er aus wie hundert andere. Vergoldet halt.
Beim Gehen zieht sich die Gruppe weit auseinander und wir müssen öfter mal stehenbleiben, damit wir wieder zusammenkommen.
Nach etwa 2 ½ Stunden erreichen wir das Bergdorf. Kinder mit bunten Mützen stürzen auf uns zu. Kleine Rotznasen, dreckig bis zum Anschlag. Auch schöne Longhis kann man hier kaufen.
Aber was ist mit Freya los? Sie betritt das Haus, das wir uns angucken dürfen kurz nach Pieter. Es verschlägt ihr den Atem. Schweiß bricht aus. Ihr ist einfach nur schlecht. Dabei riecht es in dem Haus lediglich ein wenig nach Rauch und sauber ist es da drinnen auch. Annes Herz-Kreislauf-Tropfen helfen ihr wieder etwas auf die Beine, aber es ist ihr elend. Wir verlassen das Dorf und Peter kauft dem Eisverkäufer den ganzen Vorrat ab. Hier gilt das Recht des Stärkeren und einige der Kids kommen zu unserem Bedauern zu kurz.
War Freya vorhin bei den Ersten, ist sie nun die letzte, die das Nepali-Restaurant erreicht. Die letzte? Nein, vier aus dem Mittelteil der Gruppe haben den Abzweig übersehen und sind weiter gelaufen. Pieters Sohn muß ihnen hinterher und sie zurück zum Lokal lotsen.
Es gibt irgendwas Ausgebackenes doch Freya kann essen noch nicht mal riechen. Sie elendet einfach so ein bißchen vor sich hin, nimmt noch mal von Anne's Tropfen und schläft einfach ein bißchen auf diesen Bambussitzen. Weil ihr kalt ist, bekommt sie von Christine noch deren Bluse aus dem Rucksack. Nach einer Stunde Rast geht es, von den Kambodschanern angetrieben, die doch tatsächlich auch mal einen Ausflug mitgemacht haben, wieder Richtung Kalaw. Freya fühlt sich schon wieder besser, Schlaf hilft ihr immer und überall, und so marschiert sie auch wieder vorne mit.
Erich und seinen Führer haben wir schon im Bergdorf getroffen und laufen jetzt mit ihnen zusammen den Berg runter. Seine "richtige" Wanderung war gerade mal die paar Meter länger, die wir am Anfang mit dem Bus gefahren sind. Ja und dann auf einmal löst sich Freyas rechter Schuh in Wohlgefallen auf. Das darf doch nicht wahr sein! Gleich morgen will sie einen Nats-Schrein aufsuchen und etwas spenden. Das hat doch Methode! Da ist doch eine perfide Intelligenz am Werk!
Tatsächlich hat sie aber mehr Glück als Verstand. Doris hat Espandrils an und im Rucksack auch noch Sandalen. Sie konnte sich am Morgen nicht für eine Schuhform entscheiden. Die Sandalen bekommt Freya geliehen. Sie passen aber nicht. Also noch mal das Schuhe-Wechsel-Spiel. Freya bekommt die Espandrils und Doris zieht ihre Sandalen an. Mittlerweile haben wir jeglichen Anschluß an die Gruppe, selbst an die ganz langsamen verloren. Keiner ist mehr zu sehen. Nur Pieter ist bei uns. Wir, das sind Jürgen, Karen, Doris und Freya.
Auf dem breiten Weg überholt uns ein LKW und ein Militärlastwagen kommt uns entgegen. So erfahren wir, daß wir auf diesem Weg nicht weiterlaufen dürfen, da er in militärisches Sperrgebiet führt. Pieter läuft also mit uns eine, wie sich später herausstellt, Abkürzung. Dann stehen wir auf einem Hügel und sehen, ganz weit entfernt, aufgesplittert in zwei Gruppen, unsere Leute. "Da hinten ist Kambodscha", sagt Karen. "Sind wir so dicht an der Grenze?" fragt Freya zur Freude aller Umstehenden.
Pieter schreit weit hallend über die Gipfel, um seinen Sohn von unserem Verbleib zu informieren. Wir sitzen einfach nur da und warten ab. Doris nutzt die Gelegenheit und holt ihre Maluntensilien hervor. Nach einer kurzen Zeit deutet Pieter uns dann an, daß es weitergeht. Wir laufen hinter ihm her und treffen nach ca. 10 Minuten auf unsere Gruppe.
Wir sind jetzt nicht mehr weit vom Bus entfernt. Von zwei Kindern bekommt Freya je ein kleines, gut riechendes Röschen geschenkt, die sie dann an Doris und Christine weitergibt. Marlene hat glücklicherweise Bonbons in der Tasche und kann sich so für Freya bedanken.
Im Bus erzählt Freya dann Peter, daß sie morgen an einem Nats-Schrein etwas spenden möchte, um so das Gesetz der Serie zu durchbrechen. Beide Peter lachen. Das Abendessen läßt sie aus - freiwillig. Ihrer Meinung nach kann da nix Gutes mehr kommen an so einem Tag.
© Jürgen & Freya Blösl, 2001-2012
letzte Überarbeitung: 15.06.2012
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