Borneo - wo der Pfeffer wächst
Wir waren ja gestern tatsächlich noch ewig lange auf und dementsprechend müde beim ersten Weckerklingeln. Bis 8.30 Uhr muß der kleine Reiserucksack gepackt, gefrühstückt und ausgecheckt sein. Außerdem müssen die großen Rucksäcke an der Rezeption deponiert werden. Auf die Plätze fertig los. Wir sind gut in der Zeit und werden von Zak (Zacharias) einem Malaien und seinem Fahrer, einem Iban in Empfang genommen.
Zak redet viel, doch kompetent auf uns zwei Schlafmützen ein. Der erste Stop findet im Städtchen Sirian statt. Hier ist ein großer Bauernmarkt mit uns unbekanntem Gemüse, ganzen Schweinen, Fischen und Süßigkeiten. Ein Besuch der öffentlichen Toilette dort erstaunt Freya auf das Angenehmste. Weiter geht es im Auto immer in der Nähe der indonesischen Grenze Richtung Nord-Ost. Entlang der Straße befinden sich überwiegend Palmölplantagen und Pfefferpflanzungen. In der Ferne, an den Hügeln sieht der Urwald noch intakt aus.
Bevor wir die Hauptstraße verlassen, machen wir erneut Rast in einem kleinen Städtchen am Rande von Nirgendwo. Eigentlich ist es mehr ein Truckerstop aus etwa einem Dutzend Läden und Restaurants. Hier kaufen wir noch zusätzliche Kekse für die Iban, die wir ja besuchen wollen, ein. Freyas Familienverständnis ist beim Geschenkeeinkauf in Deutschland wohl doch eher von der europäischen Kleinfamilie inspiriert gewesen. Neben der Großpackung Kekse haben wir deshalb noch Luftballons für die Kinder und Zigaretten für die Erwachsenen. Später hat Freya dann nachgelesen, daß Schnaps den größten Erfolg hat. Ist ja eigentlich auch logisch, schließlich sind es keine Moslems und brennen auch noch selbst.
Nach dem Mittagessen geht es weiter und wir fahren zum Fluß. Dort klappt dann erst mal gar nichts. Unser Abholservice - das Langboot der Iban - ist nicht gekommen, um uns abzuholen. Es hängen zwar einige Männer in der überdachten Halle am Fluß herum, doch die gehören zu den Nachbardörfern und wissen auch nicht warum unser Boot nicht kommt. Zak schnappt sich das Auto und fährt in das Dorf zurück, das wir eben am Rande liegengelassen haben. Nichts. Es ist übrigens eines in der die Regierung ihr Programm umgesetzt hat, die typischen Holzbauten der Iban durch Häuser gleichen Stils aus Stein zu ersetzen. So will sie dem Holzabbau entgegentreten und gleichzeitig den Fortschritt langsam einführen.
Zak kommt zurück und fragt, ob wir Lust hätten, über Land zu den Iban zu fahren. Bleibt uns eine Wahl? Also geht es erst über Lehmpiste und später über Schotterweg bergauf, bergab zu den Iban, die uns nicht abholen wollten. Normalerweise werden diese Wege nicht von japanischen Kleinbussen, sondern von starken LKWs genutzt. Auf diese Weise sehen wir auch wie abseits der großen Straßen der Wald gerodet wird. Teils um an das Tropenholz zu kommen, vor allem aber um Platz zu schaffen für Palmölplantagen. Palmöl ist ein wichtiges Exportgut und wird weltweit für alles mögliche von industriellen Produkten, über die Lebensmittelindustrie bis hin zu Kosmetika verwendet. Im Gegensatz zu Südamerika ist hier die Humusschicht auch nicht so dünn, daß sie gleich wegerodiert. Im Hilton Resort sollten wir dies auch noch einmal sehen.
Das Dorf, das wir schließlich erreichen besteht aus einem Holzlanghaus, das auf Pfählen steht wegen der Schlangen und der Insekten. Außerdem kann man so im Parterre noch Tiere halten. Mehrere kleiner Holzbauten sind darum herum gruppiert. Es laufen Enten und Hühner herum. Das Dorf wirkt leer. Ein paar Kleinkinder, Greise, zwei jünger Männer. Daneben gibt es noch ein im Bau befindliches modernes Steinlanghaus.
Wir steigen über eine Leiter in den ersten Stock hinauf. Wobei Leiter eigentlich übertrieben ist: Ein Holzstamm mit einigen Kerben in die bestenfalls die Fußspitzen passen lehnt an miteinander verbundenen Holzlatten, die als Terasse dienen. In der ganzen Länge des Hauses verläuft ein breiter Flur belegt mit Bastmatten, das ist der Gemeinschaftsraum. Daran grenzen die privaten Räumlichkeiten an. Im Flur hängen Totenschädel von der Decke, sitzen ein paar alte Leute und stellen aus Stroh Körbe und Hüte her oder liegen und sitzen auf den Matten. Es ist still. Wir sollen uns dazu setzen. Irgendwie fühlen wir uns wie Eindringlinge. Wir sitzen dann aber doch noch mal zehn Minuten bei der alten Frau und dem Kind. Es gibt Reiswein, der ein bißchen wie Rauscher schmeckt und wahrscheinlich die gleiche Wirkung hat. Wir bedanken uns. Den Korb mit unseren Geschenken haben wir bereits an exponierter Stelle abgestellt und verlassen dann das Langhaus.
Wir gehen zum Auto. Da hören wir es. Im Steinlanghaus findet eine Versammlung statt. Wir gehen in die Richtung und werden auch schon heran gewinkt. Das ganze Dorf sitzt da und läßt sich von einem Vertreter der Regierung was vom Fortschritt erzählen. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, aber Freya wird noch ein bißchen von den Frauen abgefüttert. Es gibt geröstete süße Kuchen und in Bambus gekochten Reis. Wir sollen uns jetzt aber beeilen, wir müssen noch ein Boot kriegen. Doof, gerade wo Freya anfängt über das Essen zu zwischenmenscheln.
Es geht zurück auf die Piste und dann fahren wir noch über ein halbe Stunde auf einer Asphaltstraße. Schließlich ist er zu sehen, der Staudamm, der den See am Hilton Ressort aufstaut und den Kumulationspunkt des Batang Ai Nationalparks bildet. Natürlich haben wir das Boot verpaßt. Aber, Glück im Unglück, wegen einer chinesischen Reisegruppe kommt in einer halben Stunde noch eines.
Wir sitzen in aller Ruhe an der Anlegestelle und warten. Als die Reisegruppe (ca. 15 Taiwan-Chinesen) kommt ist es aus mit der Ruhe. Das Geschnatter findet keine Unterbrechung und dies sollte sich die nächsten zwei Tage nicht ändern, egal ob wir sie morgens oder abends zu sehen bekommen. Außerdem haben sie alle locker sitzende Schlappen oder gehen einfach nur anders als der normale, gemeine Mitteleuropäer. Sie schlurfen. Kurze, kleine Schlurfer und einige der Männer ziehen ganz genüßlich ihren Rotz zusammen und spucken diesen lautstark aus.
Das Boot kommt und wir schauen, daß wir als erste drin sind. Wir bekommen von einer netten, älteren Chinesin getrocknete Früchte angeboten: Komischer Geschmack, aber nicht schlecht.
Am gegenüberliegenden Ufer geht es über weitauslaufende Holztreppen nach oben zum Hilton Longhouse Ressort. Die einzelnen Gebäude haben denselben Aufbau wie die Iban-Langhäuser, nur daß hier im privaten Bereich auch Dusche und Toilette integriert und der Boden versiegelt ist. Alles ist schön und luxuriös. Hier kann man sich Sommerset Maugham vorstellen, wie er an einem Tisch sitzt, Geschichten erzählt und Cocktails trinkt. Das hat er aber im Hilton Ressort sicher nach dem ersten Versuch genauso gelassen wie wir. War da tatsächlich Alkohol drin ?
Wir stehen nicht zu früh auf und sind so gegen 8.30 beim Frühstücksbüffet. Um zehn Uhr wollen wir mit dem "Hausnaturalisten" (so nannte der sich wirklich) einen "Naturewalk" unternehmen. Ein Amerikaner, sein Guide und dessen beiden Kinder nehmen auch noch an der Veranstaltung teil.
Gleich hinter dem Hotel geht es auf Stufen einen immer schmaler werdenden Pfad bergauf in den Urwald. Es ist kein Virgin Forest, aber ein Primary Forrest. Das heißt, der Wald wurde einmal abgeholzt. Doch dies ist wohl schon einige Zeit her und ohne diesen Hinweis hätten wir es nicht vermutet. Da der Guide des Amerikaners wesentlich besser englisch spricht, traut sich der Hotelguide kaum etwas zu sagen, obwohl auch sein Englisch durchaus verständlich ist. So erläutert uns also der Gast-Guide - meist nach kurzer malayischer Rücksprache mit dem Hotelguide - die unterschiedlichsten Verwendungszwecke der einzelnen Pflanzen.
· Hiervon kann man Körbe machen,
· das da enthält wenn man es abschlägt Trinkwasser - Vorsicht, nur das klare Wasser kann getrunken werden. Braun oder milchig bedeutet in diesem Fall giftig.
· Hier sind Würgepflanzen, da Epiphyten.
· Hier gibt es Ameisennester,
· da war der Woodpecker dran.
· Sehr ihr das Loch?
Am vielem wären wir ohne die Erklärungen vorbegeilaufen. Das wäre zur Flora zu sagen. Bei der Fauna tun sich die Ameisen hervor und befinden sich ausgerechnet immer da, wo man sich gerne einmal festhalten möchte.
Wir kommen an das Grab eines ehemaligen Iban-Kriegers. Überall sind Flaschen mit geopfertem Reiswein verstreut: Eine heilige Müllhalde auf dem Berggipfel.
Unser Führer erwähnt jetzt auch ganz beiläufig, daß es erst noch ein Stückchen bergab gehe und dann über eine vom Hotelpersonal gebaute Hängebrücke und von da aus wieder zurück zum Hotel.
So recht haben wir es erst geglaubt als wir es sehen. Zwei Latten nebeneinander und das ganze durch ein Seilgeflecht verbunden. Anfangs befinden wir uns in 2-3 Metern Höhe, später geht es unter uns 30-40 Meter tief. Nicht immer liegen die Planken waagerecht, was besonders fein ist als es unter uns doch schon sehr frei ist.
Wir gehen hintereinander. Nicht zu dicht. Zuerst der Hotelnaturalist, danach der Junge, dann Jürgen, dahinter Freya, gefolgt von der Tochter des Guides, danach der Amerikaner und als letzter der Guide des Amerikaners. Leider verschafft uns der kleine Junge ein etwas längeres Erlebnis, als er irgendwann in der Mitte der Brücke nicht mehr vor und nicht mehr zurück will. Ganz vorsichtig geht der Hotelnaturalist zurück und nimmt den Jungen bei der Hand. Dann geht es weiter.
Man kann auf der anderen Seite noch ein Stück höher zu einem Aussichtspunkt auf einer weiteren Hängebrücke, dieses Mal mit kleinen Querstreben. Wir besteigen nur das Podest, lassen die Kür aber aus.
Kurz bevor wir wieder beim Hotel ankommen entdecken wir noch eine Schlange, die gerade dabei ist einen Gecko herunterzuschlingen. Jürgen, wie immer mit seinem Foto kilometerweit hinter uns, muß zu diesem lohnenden Objekt herangerufen werden.
Schweißgebadet laufen wir im Hotel ein und suchen uns gleich ein schattiges Plätzchen am Pool. Hier verbringen wir dann auch mehrere Stunden, wobei Jürgen den Pool irgendwann verläßt, weil er noch Bilder machen möchte. So kommt er nach etwa einer Stunde wieder, nur um zu erzählen, daß er ein Tier, das Ameisen aufspießt, mit allen mitgebrachten Objektiven fotografiert hat. Dann verschwindet er wieder, nicht ohne vorher kundzutun, daß er wieder in den Dschungel geht. Später erzählt er, daß er den gesamten Weg inklusive Brücke noch einmal gemacht hat.
Beide sind wir nach diesem Nachmittag um die Erfahrung reicher, daß man auch einen Schattenbrand bekommen kann. Unseren mitgebrachten hohen Sonnenschutz hatten wir nämlich nicht aufgetragen, weil wir uns immer nur und ausschließlich im Schatten aufgehalten haben ...
Am nächsten Morgen genießen wir wieder die aufgekratzte Chinesengruppe. Beim Frühstück sitzen sie schon wieder am Nachbartisch. Beim Boottransfer über den Stausee singen die Frauen und erzählen lebhaft.
Mit zwei anderen Paaren sitzen wir auf dem Deck des Schiffes und lassen uns den Wind um die Nase wehen. Irgendwann flüchtet dann auch noch einer der Einheimischen vor den Taiwanesen.
Den Rücktransfer nach Kuching übernimmt ein Malaye chinesischer Abstammung. Diesmal mit einer Limousine. Unterwegs müssen wir noch kurz bei einer Polizeikontrolle stoppen. Unser Fahrer berichtet, daß die Polizisten schlecht bezahlt werden und deshalb auch schon mal nach einem Grund für einen Strafzettel suchen, gegen Barzahlung versteht sich.
Beim Stop in Sirian - direkt neben der Shelltankstelle - gibt es chinesische Hausmannskost (gut und viel) Unser Fahrer meinte dann auch: "Wie zuhause".
© Jürgen & Freya Blösl, 1999-2010
letzte Überarbeitung: 15.01.2010
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