Reisebericht Indien / Nepal
1998
Wir duschen zwischen kalt und lauwarm (Ob sich die Hotelqualität noch ändern wird ?) und dann runter zum Frühstück. Hier empfängt uns Chris. Sie hat schon gefrühstückt. Michael wird mit ihr, Maria und Arnold und Ursel heute durch die Stadt laufen.
Wir wollen alleine losziehen. Ein bißchen Bammel ob des ganzen Drecks haben wir schon, aber dann geht es los. Wir haben beide unsere Hosen hochgekrempelt und gehen an den vor dem Hotel wartenden Rikscha-Fahrern vorbei. Bis zum großen Stadttor, das die "normalen" Viertel vom historischen Stadtkern trennt ist es ein ziemliches Gematsche. Wir weichen Kühen aus, achten auch darauf nicht in die Scheiße zu treten und Freya sieht, wie in einer Seitenstraße eine Frau in die Hocke geht, um ihre Notdurft zu verrichten.
Vor dem Stadttor drängt sich der Verkehr: Fußgänger, Fahrradfahrer, Rikschas, Motorräder, Autos, Busse, alles will mit viel Geklingel und Gehupe durch den Engpaß. Nachdem wir dann durch das Tor gegangen sind, sind die Straßen asphaltiert. Links die Häuserfront mit einem kleinen Laden neben dem nächsten (nur selten auf Touristen ausgerichtet), dann der Bürgersteig, die Regenrinne und am Straßenrand fliegende Händler und wartende Rikschas. Dann zwei Fahrspuren, Grünstreifen und spiegelbildlich das ganze noch mal. Auf der Straße werden wir laufend angesprochen, aber nicht so, daß es unangenehm ist. Auf dem Bürgersteig ist es ruhiger, außerdem sind die Läden interessanter. Ein kleines Mädchen ist ziemlich lästig. Hier hören wir zum ersten Mal die uns in den folgenden Wochen mit unmerklichen Abwandlungen begleitende Litanei: "Hello what is your name, where do you come from. One Rupee, can I get a pen, sweets, shampoo und und und.
Irgendwann reichen uns dann die Eindrücke. Wir suchen und finden ein Restaurant, um uns aus dem Trubel zurückzuziehen. Wir werden in den family-room geführt und trinken dort Gewürztee (Chai). Freya macht sich Notizen für diesen Bericht und wir beobachten die Ameisen auf dem Tisch, wie sie riesige Zuckerstückchen transportieren. Entspannt können wir uns danach wieder in das quirlige Getümmel stürzen.
In dieser Pause haben wir uns neu orientiert und finden schnell den Palast der Winde, wie die hohe Wand mit Fenstern heißt. Hier haben in früheren Zeiten die Haremsdamen die Möglichkeit gehabt, den Prozessionen und Umzügen ungesehen von fremden Augen zuzusehen. Wir besichtigen den Stadtpalast und Freya kauft hier - strategisch ungünstig - eine Bluse und eine Hose. Aber sie hat gehandelt, mindestens eine halbe bis dreiviertel Stunde und das nicht zu wenig. Erst wollte sie nur eine Bluse, deren Preis war wohl auch noch halbwegs angemessen, aber dann gibt es wieder Chai und ein bißchen Sprachkurs und es macht ihr Spaß. So handelt sie auch noch um eine Hose, die letztlich bestimmt doppelt so teuer wie normal war. Aber es hat einfach nur Spaß gemacht.
Im Stadtpalast ist es ruhiger als auf den Straßen, doch kaum raus sind wir wieder Freiwild für alle Händler. Überall hören wir "What is your name, etc." Jetzt sollen wir auch ständig irgendwelche Puppen kaufen oder mit der Fahrradrikscha fahren. Es ist anstrengend. Wir bleiben immer freundlich, aber irgendwann ist es einfach zu viel. Angenehm ist, daß die Leute, die uns ansprechen, trotz allem nicht aggressiv, sondern sehr friedlich sind.
Zurück geht es über den astronomischen Park mit seinen vielen großartigen Anlagen und Geräten, die heute noch in Funktion sind.
Unser Abendessen nehmen wir im Hotel ein, da wir so mit allen möglichen Sinneseindrücken überwältigt sind, daß wir nichts mehr aufnehmen können und wollen. Michael und ein Großteil der jüngeren Mitglieder unserer Gruppe sowie diejenigen, die schon seit einigen Tagen in Rajastan sind, gehen ins Kino (die meisten gehen aber wohl mittendrin, weil so öde). Arnold kommt zu uns auf die Dachterasse und wir beobachten das Wetterleuchten in der Ferne. Als es zu regnen anfängt, sind wir auch fertig mit den Essen.
Obwohl es bedeutet, daß wir von Jaipur fast nichts mehr sehen werden und es vielleicht doch eine Hetze sein wird, wollen wir morgen zwei Ausflüge mitmachen. Zuerst geht es morgen früh nach Fort Amber und nachmittags werden wir das Angebot des Hotels wahrnehmen und in ein Dorf fahren. Dort werden wir auf Kamelen reiten und außerdem sehen, wie die Landbevölkerung lebt und arbeitet.
Es hat die ganze Nacht geregnet und wir hatten schon Angst, daß unser Ausflug nach Amber im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fällt. Doch frühmorgens hört es auf und im Laufe des Vormittags trocknet es ab. Wir fahren an dem Maharatschapalast vom Montag vorbei und halten letztendlich an einem Stausee unterhalb des Amber-Fort. Hier halten wohl öfters Busse. Deswegen stehen hier fliegende Händler, es wird Chai verkauft und hier sehen wir auch erstmals die gelbgekleideten Heiligen, die Saddhus. Männer, die nur noch für die Religion und von den Spenden der Gläubigen leben. (Man muß allerdings sagen, daß wir meist seltsamen Heiligen begegnet sind und diese uns Touristen sichtlich auflauerten, um die Rupien von uns zu ergattern).
Über den Teich führt eine Brücke und auf dieser Brücke überqueren wir die Wasserfläche und steigen am gegenüberliegenden Ufer die Stufen hoch zum Fort. Das Amberfort ist nicht nur touristischer Anziehungspunkt, sondern wohl auch religiöser, obwohl für uns nicht ersichtlich ist warum. Jedenfalls gibt es wesentlich mehr Inder als westliche Touristen. Rechts und links der Treppen warten entsprechend viele Bettler, Blütenkettenverkäufer und andere Händler.
Viele Touristen wollen den Weg zum Fort nicht hochsteigen, sondern lassen sich auf Elefanten hoch transportieren. Wir queren die Straße auf der die Elefanten in einer stolzen Reihe zum Fort hoch marschieren und kommen durch einen Vorhof zur Eingangspforte. Michael hat zwar schon die ganzen Eintrittskarten gekauft, für die Fotogenehmigungen müssen wir uns aber trotzdem noch mal anstellen
Das Fort selbst ist im Laufe der Zeit immer weiter gewachsen und dementsprechend labyrinthisch. Durch viele Gänge und natürlich auch Stufen erreichen wir einen Innenhof von dem aus wieder viele Gänge und Treppenhäuser wegführen, die zu anderen Räumen und Höfen führen. Wir bewundern die fein ziselierten Ornamente aus Spiegelglas im renovierten Teil, stehen mit einer Gruppe von Touristen in einem dunklen Raum, der dann nur durch eine kleine Taschenlampe und die vielen zentimetergroßen Spiegel erhellt und zum Leben gebracht wird. Wir überblicken von den Aussichtskapitellen die umliegende Gegend und schauen einigen Affen zu, die sich geschickt über die Brüstungen hangeln.
Auf dem Rückweg nach Jaipur machen wir eine kurze Rast vor dem oben erwähnten Wassserschloß. Chris kauft sich ein Instrument von den dort herumlungernden Händlern. Bis zu unserem nächsten Abenteuer haben wir noch ein, zwei Stunden Zeit. Kaum sind wir im Hotel fängt es an wie aus Eimern zu gießen. Ob Kamelreiten bei diesem Wetter eine gute Idee ist?
Bis wir losfahren ist es viertel vor Drei. Wir fahren mit dem Bus durch die historische Pink City am dritten Kreisel (oder wars doch der zweite ?) biegen wir nach rechts und fahren durch ein anderes Tor hinaus. Man glaubt es nicht: da draußen ist Großstadt. Immer noch quirlig und mit Fahrradrikschas. Aber hier ist der Matsch weg, es liegen keine Schweine im eigenen Dreck, man sieht sogar Pkws. Wir hatten schon vermutet, die ganze Stadt sähe so aus wie unsere Gasse. Wieso bloß hat Djoser sich dieses Hotel ausgesucht?
Wir fahren weiter und kommen immer mehr aufs Land. Die Landschaft um uns herum zeugt davon, daß hier manchmal enorme Wassermassen durchlaufen. Wir sehen ausgetrocknete Flußläufe, obwohl es häufiger regnet und es nicht dürr um ums herum ist. Zwischendurch sind tiefe Löcher zu sehen, die momentan auch nur Luft enthalten, aber noch vor einiger Zeit bestimmt voll Wasser waren.
Dann fängt unsere Reisebegleitung, der Hotelmanager, an zu erzählen. Unsere Gruppe hat ihn Rudi getauft, weil seine Frisur und dadurch sein Aussehen frappant an den zickigen Modeschöpfer Rudolf Mooshammer erinnert. Rudi erzählt uns also, daß in dem Dorf, wo wir jetzt hingehen nur die Mutter und die Schwiegertöchter verschleiert sein müssen. Sie sind "fremdes Blut" und sollen keine Begierden erregen. Die Töchter hingegen laufen ohne Schleier, weil sie in dem Ort, in dem sie aufwachsen in ihrer eigenen Familie sind. Geheiratet wird nicht innerhalb des Ortes, aber spätestens mit vierzehn sind die Mädchen unter der Haube. Bis sie das Alter von 25 Jahren erreicht haben, sind sie zumeist schon sechsfache Mutter.
Wir biegen von der Hauptstraße ab, nach links in einen Feldweg mit tiefen Schlaglöchern. Dann durch ein schmiedeeisernes Tor, eine kurze Allee entlang und vor uns liegt das Haus des Landadligen, dem auch das Gebäude in Jaipur gehörte. Pfauen schreien und für uns stehen auch schon die Kamele mit ihren Anhängern bereit.
Jeweils zwei sollen sich abwechseln. Einmal kann man reiten und einmal sich mit dem Wagen ziehen lassen. Vorsichtig wie sie ist, will Freya Jürgen den Vortritt beim Ritt auf dem Kamel lassen. Aber der Kameltreiber meint, sie solle anfangen. Also balanciert sie auf der schmalen Wagengabel entlang um sich dann unelegant auf das Kamel zu hieven. Aber wider Erwarten macht ihr das Reiten Spaß. Der elegante, wiegende Gang der Tiere ist jedenfalls angenehmer als das Holpern der zweirädrigen Wagen. Die Kamele gehen los, staksen durch tiefe Pfützen und die unten im Wagen werden ganz schön schmutzig. Dann erreichen wir das erste Dorf. Leider können wir die Kinder nicht in der Schule begutachten, aber Rudi trommelt die Schulkinder zusammen und wir bekommen ein Lied gesungen. Etwa 50% der Kinder gehen in die dorfeigene Schule. Mehr Jungen als Mädchen.
Wir sollen kein Geld geben und die Kinder wollen auch höchstens Bonbons, die sie von unserem Führer auch bekommen. Teilweise machen sie auch hier schon die Handbewegung, die wir in den nächsten Wochen immer wieder sehen sollen und die uns signalisiert, daß sie Kulis wollen. Die Dorfbewohner sind neugierig, belagern uns und lachen. Wir laufen durch das Dorf. Freya tauscht einen Kuli gegen so ein Teil, daß sich die Frauen auf die Stirn kleben und das sie durch seine Farbe - wie sie später erfährt - als verheiratet ausweist. Am anderen Ende des Dorfes warten die Kamele und wir tauschen die Rollen auf Kamel und Wagen.
Im zweiten Dorf beginnt das Spiel mit den Kindern von vorne. Wir tauschen Blicke, denn Englisch spricht hier so gut wie keiner. Sie lachen, fassen uns an und wollen durch die Kamera schauen. Wir sehen, daß das mit der Verschleierung auch eher locker genommen wird. Freya merkt, daß die Kinder ihr Zwinkern mögen und so zwinkert sie abwechselnd mit beiden Augen, wackelt ein bißchen mit der Nase. Nur mit den Ohren wackeln kann sie nicht. Wer hier für wen im Zoo sitzt ist wohl klar.
Zurück zum Landsitz reitet Freya dann wieder. Dort angekommen geben wir alle unser Trinkgeld in einen großen Topf. 25 Rupees pro Wagen. Die Männer sind total erfreut und die Zigaretten, die Freya vorher dem Rudi zum Verteilen zugesteckt hatte, tun ein übriges. Wir sitzen dann alle noch im Garten von dem Landhaus und genießen ein stark europäisiertes indisches Picknick. Es dämmert, Pfauen schreien und wir sehen die blasse Sichel des aufgehenden Mondes. Den Weg zurück zur Straße finden unsere Busfahrer dadurch, daß ein Fahrradfahrer auf dem Feldweg vor dem Bus herfährt und ihn so lotst.
Normalerweise beginnt die Tour vormittags und zum Abschluß wird ein Affentempel im Wald aufgesucht, aber dafür ist es zu spät. Unser Fahrer macht den Vorschlag statt dessen in der Nähe des Nachtmarktes in Jaipur einen Tempel anzuschauen und das machen wir dann auch. Gleich am Tor der Anlage müssen wir unsere Schuhe ausziehen und dann gehen wir über weiße Marmorwege zum Shivatempel. Die ganze Anlage ist sauber, der Tempel fast schon protzig und zeugt vom Reichtum der Spender, einer indischen Familie, die rund um die Uhr an Tempeln bauen oder renovieren läßt. Gegen halb zehn sind wir dann wieder im Hotel.
Heute treffen wir uns um kurz vor acht Uhr zur Abfahrt in Richtung Agra. Auch wenn wir einen Teil der Strecke bereits gestern gesehen haben, ist es interessant die Landschaft und die Dörfer durch das Busfenster zu betrachten, zumal die Geschwindigkeit eher 30 als 50 Km/h beträgt. Wir besprechen kurz die geplanten Pausen. Ursprünglich war ein Aufenthalt im Keoladeo Ghana Nationalpark geplant, aber die dort massenhaft überwinternden Vögel kommen erst noch. Dafür wollen wir einen alten Wasserspeicher ansehen. Wir biegen auf Feldwege ab, nachdem wir Maut bezahlt haben. Mit einem lauten Knall platzt ein Reifen. Aber der Bus fährt einfach weiter, es geht doch nichts über Zwillingsbereifung.
Im Ort Awaneri werden wir gleich wieder von Kinder umringt. Ein ziemlich herunter gekommener alter Tempel lädt uns ein darauf herumzuklettern. Aber der alte Wasserspeicher ist um vieles interessanter. Diagonal angeordnete Treppen führen zu einem Wasserbassin im Inneren. Wir sind eine ganze Weile allein in dieser großartigen Anlage, deren Architektur an die Zeichnungen von Escher erinnert und genießen die Atmosphäre. Später wird Freya von den Kindern zu einem kleinen Laden gebracht, wo es wieder Chai gibt und wo sie das Trinkgefäß aus Ton nach der Benutzung wegwerfen muß.
Nach zwei Stunden ist der Ersatzreifen montiert und der defekte in einer kleinen Werkstatt repariert. Zwar ist der Schlauch nun geflickt, aber die Karkasse ist ganz schön ramponiert. Morgen muß der Busfahrer nach Delhi, um einen neuen zu besorgen.
Am Nachmittag halten wir in Fatepu Sikri. Dies ist eine alte Herrscherstadt, die wegen Wassermangels nach nur einer Generation wieder aufgegeben wurde. Heute ist vor allem die Moschee von Bedeutung.
Wir durchwandern die Anlage in etwa zwei Stunden, den Dumont ständig in der Hand. War der Palast sehr ruhig und ließ uns die Muße auch grüne Sittiche zu beobachten, so holt uns die Realität Indiens vor der Moschee wieder ein. Hier werden wir von fliegenden Händlern bedrängt und bekommen die wildesten Geschichten aufgetischt um uns um 10, 100 und mehr Rupees zu erleichtern. In der Moschee ist es nicht etwa ruhiger. Im Gegenteil hier hängen die selbst ernannten Führer und Händler wie Kletten an einem. Das erste Mal, daß es wirklich nervt.
Witzig ist, daß Freya zweimal aufgefordert wird bei einem indischen Familienfoto sozusagen die exotische Komponente zu spielen.
Kaum sitzen wir im Bus, geht die Sonne unter und es fängt an zu schütten wie aus Eimern. Wir machen Bekanntschaft mit den indischen Landesgrenzen. An jeder dieser Grenze müssen wir jetzt und in den folgenden Tagen anhalten. Unser Fahrer bzw. sein immer mit in der Kabine sitzender Hilfsjunge muß aussteigen und irgendwelche Zettel stempeln lassen.
In Agra angekommen sind wir erstaunt über unser Hotel, das durchaus internationalen Standard hat. Das ist zwar keine Maharatschapalast, aber dafür können wir warm duschen und die Betten sind nicht durchgelegen. Wir drehen eine kurze Runde um unser Hotel, wehren die vielen Rikschafahrer ab und legen uns dann zur wohlverdienten Ruhe.
© Jürgen & Freya Blösl, 1998-2011
letzte Überarbeitung: 10.06.2011
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