Reisebericht Indien / Nepal
1998
Wir haben den Wecker zwar auf fünf Uhr gestellt, doch wir schalten ihn nachts aus, weil es bei all dem Regen sowieso keinen schönen Sonnenaufgang gibt. Wir schlafen also aus. Na ja, um acht Uhr stehen wir auf und gehen an den Massen der aufdringlichen Rikschafahrern vorbei Richtung Taj Mahal. Wir laufen durch das Basarviertel und beobachten bei einer Rast auch den Handel mit getrockneten Kuhfladen. Es scheint da tatsächlich auch Qualitätsunterschiede zu geben. Die Frau greift sich einen Fladen vom Wagen, hält ihn in den Händen, legt ihn zurück. Dann den nächsten Fladen. Schließlich hat sie sich für drei Stück entschieden, die werden auf einer Handwaage ausgewogen und jetzt scheint der genannte Preis unserer Kundin nicht zu behagen. Sie legt jedenfalls alle getrockneten Fladen wieder auf den Handkarren zurück und geht.
Es ist schwül und Freyas neue Hose klebt an ihr. Sie hat die Hose zweimal umgeschlagen als beim Bücken ein scharfes Geräusch sie erschreckt. Die neue Hose ist von der Naht ab quer gerissen und das gut 10cm. Na klasse! Jürgen behauptet zwar man sieht den Riß nur beim Treppen steigen, aber Freya glaubt erst mal gar nichts. Nachdem wir aber schon halb im Taj Mahal sind, wollen wir uns erst mal umsehen und dann zurück ins Hotel. Wir müssen unseren Rucksack abgeben, weil da Essen, Trinken und Verschenkzigaretten drin sind.
Im Taj Mahal selbst fallen wir auf einen der selbsternannten Führer rein und ärgern uns. Jetzt war, weil Freitag ist, freier Eintritt für alle und wir haben trotzdem nix gespart. Na ja.
Hier zeigen sich aber die Vorteile einer Gruppe. Wir treffen Arnold, Ursula, Maria und Chris und Freya bekommt ein Tuch von Maria, daß sie sich nun malerisch um die Hüften schlingt.
Mit dem geliehenen Tuch kommt auch ein bißchen Sicherheit wieder und wir nehmen erst mal in der Altstadt ein Frühstück mit Fruchtsäften ein. Dann aber geht es doch ins Hotel, damit Freya sich umziehen kann. Außerdem schickt der nächste Regenguß dicke Wolken voraus und so ruhen wir im Hotel erst mal aus.
Anschließend wollen wir eine Rikscha zum roten Fort nehmen. Das Motor-Rikscha ist uns zu teuer und der Fahrer will uns auch noch in einen Laden schleusen in den wir nicht wollen, also nehmen wir eine Fahrradrikscha und lassen uns für 5 Rupees zum Fort fahren.
Wir durchlaufen das Fort, daß nur zu einem Teil dem touristischen Publikum zugänglich ist und zu einem anderen Teil vom indischen Militär genutzt wird. Freya setzt sich an einem schönen Platz hin und schreibt mal wieder Tagebuch, während Jürgen die hier herumflatternden Sittiche zu fotografierend versucht. Die Tatsache, daß da jemand sitzt und schreibt reizt die indische Neugierde. Männer, Frauen und Kinder, selbst das Wachpersonal schaut Freya über die Schulter, was die denn wohl so treibt. Freya ist so vertieft, daß sie erst gar nichts davon mitbekommt und Jürgen sie erst auf die Neugierigen aufmerksam machen muß. Ob der Grund für das Interesse wohl die hohe Analphabetenquote ist ?
Wir gehen zu einem alten Mann, der die niedlichen Streifenhörnchen füttert und weil Freya so neugierig schaut, gibt ihr der Mann auch ein bißchen Futter auf die Hand. Husch kommt so ein Streifenhörnchen mit seinem buschigen Schwanz auf Freya Hand und nimmt ganz vorsichtig von den Krümeln. Dann kommt noch so ein Vieh und die beiden scheinen sich nicht so zu mögen, jedenfalls streiten sie kurz und das erste zieht von dannen. Dafür kommt das zweite an und beißt Freya kurz und heftig in den Finger. "Au" ruft sie und die umstehenden Leute lachen. Das wars dann mit Füttern, auch wenn der Alte wegen dem Trinkgeld Freya noch Futter und die offene Hand hinhält. Glücklicherweise hat Freya ja die Tetanus-Impfung. Außerdem haben wir diese kleinen Biester nie im dicken Dreck entdeckt. Das ganze hatte dann auch keine Konsequenzen.
Vor dem Fort handelt Freya noch ein wenig um diese tolle bunte Puderfarbe. Der Verkäufer will uns übers Ohr hauen und verlangt den 20fachen Preis, also behält er die Farben. Unser Rikschafahrer wartet und wir lassen uns zu einem Laden außerhalb des Basars fahren, wo Seidenstoffe verkauft werden.
Anschließend lotst uns unser Rikschafahrer doch noch geschickt in eine Marmorfabrik. Er bekommt schon Geld wenn wir uns etwas angucken. Hier sind kunstvolle Blumenornamente aus bunten Halbedelsteinen wie Lapislazuli, Tigerauge, Jade und Onyx als Intarsien in Marmor verarbeitet. Überhaupt nicht unser Stil, aber die handwerkliche Perfektion ist schon faszinierend. Als Freya anfängt laut über teure Gartentische nachzudenken, zieht Jürgen die Notbremse und zerrt sie aus dem Laden. Außerdem wollen wir bei Sonnenuntergang am Taj Mahal sein und vorher Freyas Rucksack im Hotel abgeben.
Gesagt getan. Schnellen Schrittes stürzen wir vom Hotel durch das Basarviertel zum Gelände des Taj Mahal. Unser Frühstückswirt kommt uns entgegen, schüttelt Jürgen die Hand, und nach kurzem Zögern auch Freya. Schließlich hat sie sie ihm ja auch hingehalten. Wir kommen an dem Tor an, an dem wir morgens das Gelände betreten hatten und sind vom Donner gerührt: Das Tor ist zu. Rechts, rechts und wieder rechts zu einem anderen Tor sollen wir gehen. Die Gassen werden schmaler, keine Geschäfte mehr, sondern Wohngebäude - uralte Bausubstanz. Schließlich zeigen uns Kinder eine Treppe und dann sehen wir den Eingang zum Taj Mahal. Das war ja wirklich höchste Zeit und so ganz "just in time" sind wir wohl auch nicht mehr. Die Sonne ist schon untergegangen, aber Abendrot und eine schöne Stimmung bleiben uns. Da Stative verboten sind, improvisiert Jürgen und benutzt das seine wie ein Einbeinstativ, das fällt nicht so auf. Ob die Bilder wohl scharf sind ?
Bein Rausgehen treffen wir Henner aus unserer Gruppe und beschließen zusammen zu Abend zu essen. Wir gehen zu unserem Frühstückswirt, doch auf seiner Dachterrasse weht kein Lüftchen, dafür aber tummeln sich Fliegen und Stechmücken um die bunten, über den Tischen und an der Brüstung angebrachten Lichter. Also bleiben wir doch nicht hier, sondern gehen ein Häuschen weiter. Kaum sitzen wir hier richtig, fällt großflächig der Strom aus, was wir von unserem Aussichtspunkt aus gut beobachten können. "Ob es in fünf Minuten wohl wieder geht?" fragt Henner den Kellner. Worauf der mit "sicher, wir haben einen Generator !" antwortet. Unser romantisches Dachplätzchen ist auch schon bald mit Dieselgeruch und Generatorgeknatter erfüllt. Das Essen ist gut und wir nehmen uns zum Hotel zurück eine Fahrradrikscha (Unbeleuchtet auf dunkler Straße).
Heute werden wir den ganzen Tag lang nur Bus fahren. Wir wollen nach Khajuraho und das ist eine ganze Ecke weiter südlich. Im nachhinein ist es so viel zu anstrengend. Statt 12 Stunden Fahrt auf diesen Schlaglochpisten hätte man lieber in Jhansi oder einer anderen Stadt übernachten sollen.
Unsere Frühstückspause verläuft ein bißchen chaotisch, weil wir ganz offensichtlich die Betreiber der Touristengaststätte wecken und das ganze nach dem Motto einer arbeitet und drei sehen zu funktioniert - oder auch nicht. Arnold versaut sich sein Jeanshemd weil er sich an die ochsenblutfarbige Wand anlehnt. Ursula entdeckt eine totgefahrene Kuh, die von der Straße abtransportiert werden soll und Freya einen riesigen Käfer in der Damentoilette, die alles andere als schön ist und bei der noch nicht mal die Wasserspülung funktioniert. iiiiihhh.
In der Mittagspause holt Freya Bananen und hier zeigt sich, was ein guter Händler ist! Das Angebot lautet "Five Rupees six" also "fünf Rupees für sechs Bananen" und Freya handelt spontan und ohne Nachzudenken auf "Five Rupees five". Klasse, was? Da kann der Händler auch nicht mehr dagegen halten und Freya platzt fast vor Lachen auf dem Weg zurück zum Restaurant. Aber gehandelt werden muß eben
.
Kurz darauf müssen wir einen Fluß auf einer einspurigen Brücke überqueren. Ein LKW, der uns entgegen kommt stört sich nicht daran und fährt auch auf die Brücke. Zurückstoßen mag er natürlich auch nicht. Nützt alles nichts, schließlich muß er an einer Ausweichstelle drei mal rangieren. Na ja er hätte schneller das andere Ende gesehen, wenn er abgewartet hätte.
Kurz vor Sonnenuntergang machen wir noch mal Rast in einen Dorf, wo Freya auf Kuhmist geröstete Erdnüsse kauft. Der Mann macht ein gutes Geschäft, denn das tun dann noch ein paar mehr aus unserer Gruppe. Hier sehen wir wie in diesen Dörfern der Schulunterricht läuft. Am Straßenrand vor einem garagengroßen "Laden" sitzt der Lehrer mit Tafel und im Halbkreis vor ihm die Kinder. Wir beobachten auch noch einen religiösen Umzug und erfahren, daß er für Gott Jain ist.
Wir müssen jedoch weiter. Bis Khajuraho sind es noch ein paar Kilometer und der Fahrer möchte gerne im Hellen soweit wie möglich kommen. Dieser Wunsch leuchtet uns allen in Anbetracht der Straßenqualität und der vielen unbeleuchteten "Fahrzeuge" und was sich sonst noch alles auf den Straßen aufhält ein.
Gegen zwanzig Uhr erreichen wir den Ort mit den berühmten Tempeln. Einige von uns sind noch unternehmungslustig und gehen vom Hotel aus ins Dort. Wir nicht. Wir essen lecker und "vornehm" im Hotel . Letztendlich zahlen wir für unsere zwei Bier viel mehr als für das gesamte Abendessen. Die wußten schon warum das Bier nicht auf der Karte stand, sondern uns so angeboten wurde.
© Jürgen & Freya Blösl, 1998-2011
letzte Überarbeitung: 10.06.2011
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