Moses was here
Ägypten und Jordanien 2010
Heute geht es in den Sinai, wo wir zwei Nächte unter freiem Himmel bei den Be- duinen verbringen werden. Wir fahren ewig durch Kairo und unter dem Suezkanal hindurch. Ein kurzer Stopp bei einer soge- nannten Moses Quelle zeigt zwar, dass hier was los sein kann, ist es aber zumindest heute nicht wirklich.
Mittagessen gibt es dann schon bei dem Stamm der Beduinen, bei dem wir die nächsten Tage bleiben werden. Von der Straße geht es ab und schon können wir neben einer Art Holzverschlag auf einer freien, mit Palmwedeln überdachten und mit Teppichen ausgelegten Terrasse Platz nehmen. Es gibt gewürzten Quark, Tomaten- und Thunfischsalat, Käse, dazu frisches Fladenbrot, Halva, Bananen, Wasser und Tee. Lecker! Kurz denkt Freya an "Cook it, peel it or leave it". Dann denkt sie, dass kommt was kommt und isst mit gutem Appetit. Anschlie- ßend werden wir auf drei Jeeps verteilt und es geht tiefer in die Wüste.
Bevor wir unser Tagesziel erreichen, halten wir noch für kurze Zeit an einer Moschee. Hier treffen sich zu festgelegten Zeitpunkten Mitglieder der 7 Clans, die den Sinai be- wohnen. Es wird gefeiert und gegrillt, was man an den vielen Knochen, die hier herum- liegen und die noch nicht vom Sand bedeckt sind, unschwer sehen kann. Jürgen findet für Freya ein Stückchen blankpolierten Ziegenkopf mit Zähnchen und sie ist ganz happy. So was wollte sie schon die ganze Zeit für Zeichen- studien.
Weiter geht es zum Camp. Das ist recht komfortabel. Irgendwie hatten wir uns die Nacht in der Wüste ursprünglicher vorgestellt. Hier ist das Touristengelände durch eine Mauer fest definiert. Es gibt gemauerte, saubere Toiletten mit Duschen kombiniert. Ein runder, überdachter Raum, wo man sitzen kann und ein großes, offenes Zelt, in dem Matten auf dem Boden liegen und wo die meisten von uns sich nebeneinander ihr Nachtlager zurecht machen. Einige schlafen draußen und das würden wir im Nachhinein auch empfehlen.
Unsere Beduinen waren inzwischen fleißig und haben bereits vor- gekochtes Lamm auf den Grill gelegt. Es gibt Tee dazu und wir können Cola und Limonade kaufen. Wir essen zusammen und danach legt sich die eine Hälfte der Gruppe mit der eintretenden Dunkelheit zum Schlafen ab. Die andere Hälfte sitzt noch zusammen im Rundzelt und teilt sich eine kleine Flasche Whisky, die Ina in Kairo gekauft hat.
Wir diskutieren nun in kleiner Runde zum x-ten Mal darüber, wann wir zum Mosesberg aufsteigen wollen und das, obwohl bei einer Abstim- mung sich schon 9 von 13 für den frühen Aufstieg oder besser für den in der späten Nacht entschieden haben. Jetzt gibt es aber neue Argumente, die vielleicht doch für einen Aufstieg zum Sonnenunter- gang sprechen.
Nach einer irgend- wie unruhigen Nacht sind die meisten gegen 6:00 Uhr wach und nehmen kurz darauf den ersten Tee von den Beduinen in Empfang. Insgesamt sind es vier, die uns die meiste Zeit betreuen. Drei Fahrer und ein Koch. Unser Fahrer ist Jussuf, der Sohn des Scheichs. Er spricht gut englisch und erzählt uns, dass er drei Schwestern und noch einige Brüder hat. Auf jeden Fall ist er immer der schnellste Fahrer und unsere Gruppe genießt das. Die Fahrer in den anderen Jeeps haben da wohl nicht so viel Glück
.
Zum Frühstück gibt es leckeres Fladenbrot, Käse, Gelee und warme, hartgekochte Eier. Einige Beduinenfrauen haben sich am Rand unseres Schlaflagers einen Verkaufsstand aufgebaut und sitzen nun da und warten, ob bei uns Frauen nicht doch die Neugier siegt.
Dann fahren wir mit dem Jeep zu einem anderen, ähnlichen Platz. Wir treffen auf andere Reisegruppen, beginnen aber ziemlich schnell mit dem Aufstieg auf einen kleinen Berg, hinauf zum Hathor-Tempel. Hathor ist eine schöne (kuhäugige) Göttin für alles Mögliche.
Teilweise geht es ganz schön steil auf einem engen Pfad hinauf und Carolin und Steffen brechen den Aufstieg wegen Carolins Höhenangst ab. Wir anderen aber meistern die an uns gestellten An- forderungen und sind nach etwa einer Dreiviertel- stunde am Tempel. Hier schauen wir uns ausgiebig um und gehen dann langsam auf einem wesentlich breiteren Weg wieder nach unten, vorbei an schönen Petroglyphen. Die Landschaft ist atemberaubend toll, ein bisschen wie Arizona oder Utah und auch hier hat die Natur skurrile Steinfiguren gezaubert. Nachdem unser Ausflug ca. 3,5 Stunden gedauert hat, sind wir wieder in einem Tal, in dem die Jeeps auf uns warten. Kurz gibt es Ver- wirrung, weil Steffen und Carolin nicht bei uns sind, doch werden auch die wieder gefunden und unserer Gruppe zugeführt.


Wir werden zu einem Beduinendorf in das Haus des Scheichs ge- bracht, also zum Vater von unserem Fahrer. Wie schon gestern werden die Schuhe an der Tür ausgezogen und wir setzen uns erschöpft auf dem Boden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Erst gibt es Tee und dann Reis und Gurken-Tomatensalat. Selbstverständ- lich fehlt auch das Fladenbrot nicht.
Mit einem Blick macht eine ältere Frau Freya auf ihren verletzten Finger aufmerksam. Da Freya immer Heftpflaster dabei hat, lässt sie dieses von Charly zurecht schneiden und verarztet dann den Finger der Frau. Auch für den Kopfschmerz vom Scheich hat Ina noch ein Mittel. Von Ingrid erfahren wir anschließend, dass Kopfschmerzen "schick" sind und ausländische Medikamente ebenfalls.
Nachdem wir müde von Kletterei und Essen fast eingeschlafen wären, geht es wieder in unsere drei Jeeps und wir fahren durch die Wüste zu einer Stelle, an der es interessante Lavaformationen zu sehen gibt. Diese Formationen sind schwarz und sehen aus wie Abflussrohre. Die Diskussion über ihre Entste- hung ist vielfältig. Leider sind ganz viele der Forma- tionen schon zerstört.
Dann geht es weiter und wir fahren ziemlich lange durch ein Wadi. Wir sehen Wasserlöcher und stellen fest, dass hier mitten im Nirgendwo ganz schön viel Verkehr herrscht. Vor allem sind da immer wieder LKWs, die den fast rein weißen Quarzsand, der hier an manchen Stellen zu sehen ist, abfahren. Aber wir begegnen auch Motorradfahrern und Ziegenhirten. Unser Fahrer hält ab und zu an. Gibt hier einen Kaugummi an die Kinder, da eine Zigarette an einen alten Mann. Wie wir erfahren, machen die anderen Fahrer das auch so. Dann stoppt er, reißt wilde Kräuter ab und gibt sie uns zum riechen und schmecken.
So erreichen wir den von Bergen umfassten Platz, wo wir unser Nachtlager aufschlagen. Jeder sucht sich am Rande der Felsen einen Platz, wo die Matte hin- und der Schlafsack darauf gelegt wird.
Es dämmert bereits langsam, die Beduinen haben ein Feuer gemacht und nachdem wir den ganzen Tag eng aneinander gehockt haben, haben sich jetzt kleine Gruppen zurückgezogen.
Zum Abendessen gibt es Makkaroni mit Bohnen und Hühnchen. Dazu immer wieder Tee und Wasser. Schon wieder findet eine heiße Diskussion über den Ablauf des Folgetages statt. Wollen wir jetzt in der Nacht oder am Nachmittag aufsteigen?
Auf jeden Fall hat sich ein Großteil der Gruppe schon mal dafür entschieden, nicht morgen früh auch noch den kleinen Berg hier am Lager zu besteigen. Nur ein Paar wird morgen noch vor dem Frühstück auf dem angrenzenden Berg nach Türkisen Ausschau halten.
Letztendlich ergibt eine erneute Abstimmung, dass wir morgen relativ früh am Mosesberg sein wollen, damit wir den Sonnenuntergang oben erleben können. Die dadurch eingesparte Zeit können wir länger in Dahab am Roten Meer verbringen.
Aber das ist ja morgen. Heute besteht unser kleines Abenteuer erst mal darin, mit dem Spaten ganz nach Hinten ins Dunkle zu gehen. Der Sternenhimmel glitzert über uns und um kurz nach 22:00 Uhr ist Zapfenstreich.
Am nächsten Morgen verteilen wir uns wieder auf die drei Jeeps und los geht’s nach St. Katharina. Dazu müssen wir zunächst wieder durch das Wadi, durch das wir schon gestern gekurvt sind und dessen Ausmaße riesengroß sind. Wir halten bei einer Stelle, an der frühere Pilger ihre Erlebnisse in den Stein geritzt haben und sind fassungslos, als auch Sepp sich hier verewigt. Der hingegen ist ob der engen und kurzen Hosen von Sabine schockiert und so hat schließlich jeder etwas, über das er sich aufregen kann. Dann kommen wir auf eine gut ausgebaute Straße und auf dieser fahren wir nun weiter in Richtung Zivilisation.
Wir halten bei einem Nonnenkloster in der Oase Fayran, wo uns eine Nonne, in ausgezeichnetem, schnellem Englisch darüber informiert, dass hier früher ein Dorf mit Christen war und dass diese es dann aufgegeben haben als es zu unsicher wurde. Der Priester des Ortes ist anschließend nach St. Katharina gegangen und der Rest der Gemeinde hat sich in alle Winde verstreut. Als man das Kloster an diesem Ort wieder besetzte, war man sich lange unsicher, welchem Heiligen man es widmen sollte. Man entschied sich für Cosmas und stellte dann später fest, dass auch das ehemalige Kloster diesem Heiligen gewidmet war.
Dies ist ein wunderbarer Ort. Umgeben von Mauern ist hier, inmitten der Wüste, alles grün, Blumen blühen und Vögel zwitschern.
Nach einer Stunde Aufenthalt geht es weiter zu Beduinen, bei denen wir noch ein Mittagessen haben. Wieder sitzen wir im überdachten Freien auf Teppichen und Sepp hat als einer der Ersten Messer und Gabel in der Hand. Dumm nur, dass das doch das Essen war, das er und seine Frau nicht gewollt und bestellt haben und das sie jetzt auch nicht bekommen.
Jetzt ist es nicht mehr weit bis St. Katharina, wo wir im Hotel Morgenland untergebracht sind. Nach einer kurzen Dusche und ein bisschen Tagebuch schreiben geht es schon wieder los. Die Bestei- gung des Moses-Berges wartet auf uns.
Hier hat laut religiöser Überlieferung Moses von Gott die Zehn Gebote erhalten. Ob es wirklich der Djebel Musa war oder nicht, darüber streiten die Gelehrten. Also Freya kann nur sagen, dass Moses eine weitaus bessere Kondition gehabt haben muss als sie. Diese Bestei- gung ist für sie ein Zacken zu viel. Aber eins nach dem anderen.
Um 13:30 Uhr sind wir in der Lobby des Hotels zur Abfahrt verab- redet. Außer Sepp und Sigrid ist niemand da und auch der Bus fehlt noch. Die Beiden freuen sich aufrichtig, als Freya zu ihnen stößt. Hatten sie wirklich gedacht, die Gruppe würde sie alleine im Hotel zurücklassen? Die anderen kommen aber auch und dann warten wir. Wie sich herausstellt, treffen wir hier auf eine andere Djoser Gruppe, die in entgegengesetzter Richtung unterwegs ist. Wir warten und warten und nach einer Stunde im Jeep geht es endlich los. Aber nur um in St. Katharinen erneut auf die andere Gruppe zu warten.
Freya möchte den Beduinen, die uns hier verlassen, noch ein paar Süßigkeiten für die Kinder mitgeben. Sie geht von Laden zu Laden, doch da gibt es nichts. Als sie bei einem weiteren Shopbesitzer nach Süßigkeiten fragt und der wissen will wofür, sagt sie es ihm und bekommt aus seinen privaten Süßigkeitsvorräten für die Kinder etwas geschenkt, dass sie sofort an den Fahrer weiter gibt.
Langsam wird es uns zu dumm und als der Wegwächter an der Sperre sagt, wir könnten gehen ignorieren wir unseren gemeinsamen Guide und gehen los. Hassan, den wir schon in Kairo kennengelernt haben, hechtet hinter uns her und fängt sich von Jürgen den geeigneten Kommentar ein. Wir laufen weiter.
Man kann auf einem Kamel den Mosesberg hochreiten und nur die letzen Stufen alleine bergauf gehen. Man kann aber auch laufen und das machen wir alle. Jürgen und Sabine gehen an der Spitze. Gefolgt von Ina und Sabrina, dahinter sind Anne und Klaus, hinter denen sich Susanne und Freya befin- den. Sepp und Sigrid bilden zunächst die Nachhut. Das ist anstrengend und Freya wird aufmunternd von Susanne gezogen. Zunächst geht es zwei Stunden auf einem breiten Weg bergauf und dann nochmal eine dreiviertel Stunde ca. 700 Stufen hoch. Am Weg stehen einige Verkaufsbuden und man kann Cola, Limonade, heißen Tee und auch Schokoriegel erstehen. Das tun Freya und Susanne dann auch und den letzten Tee gibt es bereits auf den Stufen kurz vor dem Gipfel.
Auf den letzten Stufen kommen Klaus und Anne den sich quälenden Damen schon entgegen. Hier oben kann man auch über- nachten und es steht eine kleine Kapelle auf dem Gipfel. Eine Gruppe Asiaten singt und obwohl man hier sicherlich nicht meditieren kann, ist es schön.
Jürgen ist natürlich schon lange oben, hat das Stativ aufgebaut und wartet auf schönes Licht. Es weht ein eisiger Wind und wir sind recht froh, nicht nachts aufgestiegen zu sein. Da hätte auch keine Fleece-Jacke geholfen.
Susanne und Freya bleiben nicht bis zum Sonnenuntergang hier oben. Zugegeben, die Aussicht ist atemberaubend und es wäre schade gewesen, wenn sie nicht hochgegangen wären, aber die Stufen wollen auch wieder runtergegangen werden und im Dunkeln macht das nicht wirklich Spaß. So schaffen sie die Stufen und den allerersten Teil des Weges im Hellen. Dann wird es schnell dunkel und dementsprechend ist es, trotz Taschenlampe, immer schwerer zu gehen. Selbst Jürgen der spät den Gipfel verlassen hat, schafft es sie noch vor dem Ende des Weges einzuholen.
Um 20:00 Uhr haben wir dann den Bus erreicht und Freya will eigentlich nur noch ins Bett. Sie hat noch nicht einmal Hunger, behauptet sie, wird aber von Jürgen mit sanfter Gewalt dem Buffet zugeführt. Sie schafft es dann doch ganz gut zuzuschlagen, obwohl man unter guten Essen etwas anderes versteht. Danach aber geht Freya zu Bett und Jürgen an die Bar.
Nach den doch etwas unruhigen Nächten in der Wüste haben wir wunderbar geschlafen. Um 8:30 Uhr werden die Koffer aus dem Zimmer geräumt, schließlich soll es um 8:45 Uhr losgehen. Um 9:00 Uhr kommt dann auch der Bus und wir fahren zum Kloster St. Katharina.
Freya reitet das kurze Stück des Weges auf einem Kamel und Susanne entscheidet sich auf dem Rückweg auch zu reiten.
Das Kloster ist wunderschön – wenn hier nur nicht so viele Menschen wären. Die Kombination aus Enge, wenig Sauerstoff und Weihrauch in der Kirche ist schlicht betäubend und schmälert das Vergnügen dann doch erheblich. Stehenbleiben und Schauen ist auch kaum möglich, da die Massen einen einfach vorwärts schieben. Ein Großteil des Klosters ist ohnehin nicht zugänglich. Der brennende Busch, bereits eine Etage höher umgesetzt, um dem Ansturm der Reliquienjäger zu entkommen, hat da, wo man gerade noch drankommt keine Blätter mehr.
Zurück zum Bus geht es wieder auf dem Kamel. Jürgen läuft vor Freya und Susanne her und versucht Aufnahmen von ihnen zu machen.
Ina und Charly geht es nicht so gut. Es ist entweder Überanstrengung von gestern oder schlicht und ergreifend Pharaos Rache. Jedenfalls warten beide auf uns vor der Wegsperre in einem Cafe. Auch Freya nimmt am Mittag vorsichtshalber mal zwei Immodium.
© Jürgen & Freya Blösl, 2010-2012
letzte Überarbeitung: 15.06.2012
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