Freya & Jürgen Blösl

Moses was here
Ägypten und Jordanien 2010

Ostern in Kairo, 02.-03. April 2010

Wie wir es nun schon ein paarmal gemacht haben sind wir bereits gestern los und haben im Achat Hotel in Langen übernachtet. So fängt unser Urlaub nicht mit Hetze, sondern mit Entspannung an. Wir hatten heute Morgen keine lange Anreise, sind rechtzeitig am Flug- hafen gewesen und haben noch einer jungen Frau, die mit ihrem Baby nach Caracas fliegen wollte, geholfen.

Alles in allem ist es ein entspannter Flug und nach ca. 3,5 Stunden sind wir auch schon in Kairo. Vom Flieger aus hatten wir bis kurz vor Kairo saftig grüne Felder gesehen, gesprenkelt mit vielen, eng beieinander liegenden Orten. Kurz vor der Landung dann sandige Gebiete und sogar die Pyramiden haben wir beim Anflug überflogen.

Unsere Gruppe hat sich noch vor der Passkontrolle zusammen ge- funden. Insgesamt sind wir dreizehn Teilnehmer. Schnell noch das Visum an einem der Schalter bezahlt, durch die Kontrolle und zum Gepäckband. Nachdem es zweimal heißt "Wo ist Charly?" ist der auch wieder aufgetaucht und wir können los.

Die Temperatur beträgt ca. 30°. Das ist doch was nach unserem langen Winter! Im Hotel Pharaohs angekommen haben wir nach einer kurzen Pause zum Frischmachen das erste Treffen in der Lobby. Unsere Reiseleitung heißt Ingrid, bereist Ägypten, Marokko und Syrien seit ca. 20 Jahren und führt in ihrem Urlaub Djoser-Gruppen. Ihr Vorschlag sich zu einem Kennenlern-Essen zusammen zu setzen wird von allen angenommen und so marschieren wir geschlossen zur Metro-Station "Opera".

In der Kairoer U-Bahn gibt es für Männlein und Weiblein getrennte Wagen. Man kann natürlich auch als Frau im Männerwagen mitfahren, aber Männer dürfen nicht in den Frauenwagen. Das ist besonders zur Rush Hour nicht unangenehm für Frau.

Nach drei Stationen steigen wir aus und befinden uns in dem Bereich der City in dem es viele Kinos gibt. Hier laufen wir zu einem kleinen Hotel, in dem Ingrid öfter absteigt und essen zusammen. Weil das alles so kurzfristig ist, gibt es die tollen Vorspeisen von denen Ingrid so geschwärmt hat nicht, aber das Essen ist trotzdem gut. Bedient werden wir, wie wir von Ingrid erfahren, von einem koptischen Christen, der tagsüber in einer Buchhandlung arbeitet und abends bedient. Sechs Tage in der Woche!

Die Stimmung ist nett und der anschließende Lauf zurück zum Hotel ist interessant. Viele Geschäfte, viele Familien mit Kindern, insgesamt eine angenehme Stimmung. Einige sprechen uns an und sagen "Welcome to Kairo". Ein anderer sieht uns an und fragt "Obama?". Eine Gruppe Jungs kichert vor den Geschäften mit den Miederwaren, eine kleine Süße ist als Brautjungfer fast schöner als die Braut und aus dem vollbesetzte Brautauto winken uns alle zu.

Kairo bei NachtWir stoppen noch an einem von Ingrid empfohlenen Saftladen und wenn wir Durchfall bekommen, dann wissen wir jedenfalls woher. Langsam nähern wir uns wieder dem Hotel, kaufen noch Wasser im gegenüberliegenden Laden und liegen schließlich um 11.15 Uhr todmüde in der Kiste.

Nach einem Frühstück, bei dem Freya Bohnen (Ful - das ägyptische Nationalgericht) probiert hat, geht es mit dem von Ingrid organi- sierten Bus nach Alt-Kairo. Eigentlich hatten wir ja vorgehabt auf eigene Faust loszuziehen, vor allem weil Jürgen nicht in das Ägyp- tische Museum will. Jürgen hat zwar wie immer ein ausgefeiltes Programm vorbereitet, aber Ingrid hat uns allen eine Tour vorge- schlagen, die neben einigen Ecken wo wir sowieso hinwollten noch ein paar unbekanntere enthält. Also gut, neugierig sind wir ja sowieso und so machen wir diese Tour mit.

hängende Kirche - Kairo Also geht es als erstes nach Alt-Kairo. Hier besuchen wir alte, koptische Kirchen. Die hochgelobte, hängende Kirche, die wir als erstes besuchen, ist ganz nett aber auch nicht mehr. Schöner ist die Kirche des heiligen Georg, wahrscheinlich weil der liturgische Gesang dem Ganzen eine besondere Atmosphäre verleiht. Nach der Besichtigung geht es ein Stockwerk tiefer, durch ein wunderbares, altes Tor in schmale enge Gassen. Hier kommen wir unter anderem zu einer Kirche, die da erbaut wurde, wo Maria und Josef Zuflucht auf der Flucht vor Herodes fanden. Aber schon nach so einer geringen Anzahl Kirchen tritt ein gewisser Gewöhnungseffekt auf und es verwischen sich bereits die gesehenen Gebäude im Kopf zu einem einzigen.

Dann folgt der Teil, weswegen wir uns hauptsächlich Ingrid ange- schlossen hatten: Wir fahren in das Gebiet, in dem der Müll der in Kairo anfällt recycelt wird. Das liest sich jetzt sicher komisch - wir fahren nach Kairo um uns Müll anzusehen. Aber ganz so einfach ist das nicht. Es gibt zwar eine Müllabfuhr. Doch erstens kostet die Gebühren und zweitens schafft sie es mengenmäßig nicht Kairo vom Müll zu befreien. Hier kommen nun die "privaten" Müllmänner ins Spiel.

Tausende von Müllsammlern, Zabbalin genannt, leben in Kairo vom Müll. Meist sind es koptische Christen, aber auch arme Muslime aus den ländlichen Provinzen des Landes, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Hauptstadt gezogen sind. Dort aber bleibt vielen aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit nur der Ausweg sich das Recht zum Müllsammeln zu erkaufen.
Mit Eselskarren oder kleinen Lastwagen fahren sie täglich in ihren Bezirk und sammeln an den Straßenrändern und in den Hinterhöfen allen Müll in große Säcke und bringen ihn in die Hügel nordöstlich der Zitadelle. Der in Kairo gesammelte Müll wird hier abgeladen und dann sorgfältig sortiert.
Zuerst wird herausgesucht, was Menschen noch essen können. Dann, was man noch an Tiere verfüttern kann. Und dann wird getrennt nach Papier, Metall, Glas und Kunststoff - nach dem also, was an Recycling- firmen verkauft werden kann.
Aus dem Erlös des handverlesenen Mülls besteht der Lohn der Zabbalin. Der Restmüll wird an Ort und Stelle verbrannt, so dass ständig Rauch über dem Gelände liegt.
Auch wenn Ingrid uns bittet hier nicht zu fotografieren: Das sieht hier nicht nach Slum, sondern nach einem leicht heruntergekommenen Stadtteil aus. Die Häuser sind aus Stein und drei- oder vierstöckig. Die Straße wird gerade ausgebessert und außer dem Müll gibt es Geschäfte, Cafés und Schaukeln auf den Straßen. Sogar Computer Cafés sind zu sehen.

Höhlenkirchen von Mokattam - Kairo Höhlenkirchen von Mokattam - Kairo Nun geht es noch zu den Höhlen- kirchen der Kopten. Hier wurden natürliche Höhlen weiterbearbeitet und mit teilweise recht jungen Stein- bildern versehen. In manchen dieser Höhlen haben mehrere Hundert Gläubige Platz. Nach den alten Kirchen in Alt-Kairo sind die "modernen" Bildhauer-Arbeiten teilweise ein befremdlicher Anblick aber sicherlich ein Zeichen für aktuell gelebte Religion. Hier geht Freya dann auch endlich auf die Toilette, auf deren Boden sie essen könnte.

Anschließend wollen wir noch zu einem Projekt, in dem Mädchen des Viertels weben lernen und wo ihre Sachen verkauft werden. Leider ist hier wegen der Osterfeiertage geschlossen.

Wir werden auf verschiedene Zeichen an den Häusern aufmerksam gemacht. Einmal ist ein bemaltes Haus zu sehen, auf dem man ein Flugzeug und ein Schiff sieht. Leider ist es hier so eng und schmutzig, dass wir nicht anhalten. Wir bekommen gesagt, dass das ein Haus ist, dessen Besitzer auf die Hadsch gegangen – das heißt nach Mekka gepilgert - ist.

Was wir noch häufiger sehen, sind rote bzw. braune Handabdrücke an den Hauswänden. Das sind sogenannte Bluthände. Sie sollen das Unglück vom Haus und den darin lebenden Bewohnern abwenden.
Ein Unglück ist es beispielsweise, wenn eine Frau keine Kinder be- kommen kann. Natürlich ist immer die Frau schuld, wer sonst? Aber die Ägypter sind auf eine nette Weise pragmatisch und so erzählt uns Ingrid, dass wenn eine Frau keine Kinder bekommt, viele Frauen eingeladen werden und sie in Trance getanzt wird, Schließlich wird ein junger Herakles zu ihr geschickt und wenn alles gut geht, ist in neun Monaten auch ein Kind da. Ist doch ein ganz pragmatischer Ansatz, oder?

Alabaster-Moschee - Kairo Alabaster-Moschee - Kairo Mit dem Bus fahren wir weiter zur Zita- delle. Die Alabaster Moschee und ein kleineres Museum sind die einzigen Ziele, die wir auf dem weitläufigen Gelände ansteuern. Vor allem die Moschee ist sehenswert und obwohl sie zu den Haupt-Touri-Anlaufpunkten zählt, ist die Atmosphäre entspannt.
Da es mittlerweile auch schon Mittag ist und uns allen der Magen knurrt machen wir in dem scheinbar einzigen (Touristen)-Restaurant eine Pause und essen zu Mittag.

Unser Besichtigungsprogramm ist aber noch nicht zu Ende. Wir werden durch die Totenstädte zur Ali Hassan Moschee gefahren. Von Ingrid erhalten wir unheimlich viel Input, so zum Beispiel, dass in den Totenstädten, wo teilweise Menschen in den Gräbern wohnen, diese das mit Wissen der Angehörigen tun. Sie halten das Grab sauber und an Feiertagen wie heute sind sie unsichtbar.

Von der sehr schönen Sultan Hassan Moschee geht es noch zur Ibn Tulun Moschee. Diese ist eher unscheinbar, aber vom Minarett aus soll man einen schönen Blick über die Stadt haben. Heute wäre es aber wohl eher ein Blick auf den Smog geworden.
Gayer-Anderson Museum - Kairo Gayer-Anderson Museum - Kairo Stattdessen gehen Jürgen, Anne, Klaus und Freya in das benachbarte Gayer-Anderson-Museum. Hier hat ein reicher Engländer Anfang des vorigen Jahr- hunderts zwei alte Kairoer Häuser gekauft, mitein- ander verbunden und wunderbar restauriert. Neben den vielen, von ihm gesammelten Einrichtungs- gegenständen ist es vor allem die Architektur mit den vielen Gängen, Geheimtüren und Durchblicken die dieses Haus für Jürgen zum Highlight des Tages werden lässt.

Der Plan für den weiteren Verlauf des heutigen Tages sieht vor, dass wir später am Abend in einer Karawanserei den Tanz der Derwische sehen können. Wir laufen also durch die alten, nicht touristischen Basare in Richtung Karawanserei und erfahren dort, dass in einer halben Stunde Einlass ist und dass die Vorstellung dann zwei Stunden später anfängt. Allerdings gibt es nichts zu essen oder zu trinken und wer nicht gleich bei Einlass da ist, bekommt wahrscheinlich auch keinen Platz mehr.

Ein Teil der Gruppe bleibt da, um sich die Vorstellung anzusehen. Wir aber gehen zusammen mit Ingrid, Susanne und Ina weiter zu Fishawy's Café. Dort wird Sahlab, ein heißes Milch-Kokosgetränk mit Nüssen, getrunken. Das weckt unsere Lebensgeister. Da, wo wir sitzen, ist die Einflugschneise für die fliegenden Händler. Freya ist hin und weg von den Perlenhäubchen und nur die Drohung von Jürgen, sie müsse mindestens zwei Wochen lang morgens so ins Büro gehen, und natürlich auch ein klitzekleiner Rest an Selbstwahrnehmung hindern sie daran so ein Perlenhäubchen zu kaufen.

Ina sucht noch ein schönes, weißes Tuch und wir handeln alle mit, damit der Preis einigermaßen okay geht. Freya hätte hier auch noch ein super Schnäppchen machen können: Jürgen hat sie auf drei kleine, spielende Kätzchen aufmerksam gemacht und der Händler, der ihre Begeisterung sieht, macht auch gleich ein Angebot. "Zwei Dollar für eines oder besser noch, vier für die ganze Familie":-). Überhaupt sind die Händler hier im Basar viel weniger aggressiv als erwartet.

Wir laufen noch eine kleine Ewigkeit hinter Ingrid durch die Basare bis wir ab "Ataba" mit der Metro zur Station "Opera" fahren und von dort aus in wenigen Minuten zum Hotel laufen. Hier gibt es noch zwei Bier und fix und alle fallen wir ins Bett.

   

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© Jürgen & Freya Blösl, 2010-2012
    letzte Überarbeitung: 15.06.2012

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